Presse zu Ceci nèst pas …

Für alle Interessierten gibt es hier noch einige Artikel, die sich mit der Installation beschäftigen:

Ceci n’est pas …1

Ceci n’est pas … 2

Ceci n’est pas … 3

Ceci n’est pas … 4

Ceci n’est pas … 5

Ceci n’est pas … 6

Ceci n’est pas … 7

Ceci n’est pas … 8

Ceci n’est pas … 9

Ceci n’est pas moi

tag10

Der letzte Tag der Installation: Ausnahmsweise wurden die Rollläden am gestrigen Tag früher geöffnet und das Bild des Abschlusstages enthüllte sich. Diesmal gab es aber nicht etwa eine oder zwei Personen zu sehen, sondern vielmehr tausende von lebenden Mehlwürmern. Zu einem Drittel war die Box gefüllt, in der Mitte stand eine Urne, die sich fortwährend drehte. Zum Teil wurde das Bild von klassischer Musik, die aufmerksamen Zuschauer*innen und Zuhörer*innen noch vom ersten Tag des Projektes bekannt gewesen sein dürfte, begleitet. Immer wieder hörte man aber auch verstärkt die Geräusche der kriechenden Mehlwürmer im Glaskasten, ein Geräusch, das in Kontrast zur harmonischen, klassischen Musik stand.

Wie immer zog es viele Zuschauer*innen an die Box, tatsächlich waren aber hauptsächlich die Mehlwürmer Thema ihrer Gespräche. Immer wieder waren Sätze wie „Ist ja ekelhaft“, „Igitt, das sind ja lebende Würmer“ oder „Bah, das ist ja widerlich“ zu hören. Die Menge an Würmern war für viele Menschen unerträglich, sie konnten sich das Bild nur aus der Ferne ansehen.

Viele aber traten auch näher heran, um sich das Geschehen direkt anzuschauen. Die Glaswand, die sie von den Würmern trennte, schien auf viele Passant*innen beruhigend zu wirken und nahm ihnen ihre Scheu.

Zahlreiche Zuschauer*innen waren nicht damit einverstanden, die Tiere dort auf diese Art und Weise einzusperren, da sie annahmen, dass die unteren durch das Gewicht der oberen zerquetscht wurden. Eine Frau meinte, ohne sich der Bedeutung dieses Satzes im Weimarer Kontext in diesem Moment wohl bewusst gewesen zu sein: „Man hätte die ja wenigstens vorher vergasen können, das wäre nicht so qualvoll für sie gewesen.“ Jemand anderes fragte sich, was PETA wohl von der Aktion halten würde.

Der Begleittext wurde zwar gelesen, doch bis auf kurze Bemerkungen wie „Das soll also die Vergänglichkeit darstellen“ oder „Die Würmer stehen für die Zersetzung, wenn man stirbt“, hatten besonders wenige Weimarer*innen zu diesem Bild eine starke Meinung oder setzten sich näher damit auseinander.

Zur selben Zeit fand im Deutschen Nationaltheater auch die Abschlussdiskussion zum Thema statt, bei der der Künstler Dries Verhoeven, drei Expertinnen und Interessierte über die vergangenen Tage diskutieren konnten.

Photo von Thomas Müller

Tag 10

Ceci n’est pas moi*

Traditionell befinden sich Friedhöfe in Deutschland außerhalb der Stadtzentren. Im römischen Recht stellen die Toten eine Bedrohung für die Ordnung innerhalb der „geheiligten Stadtgrenzen“ dar, da sie Verunreinigung und Unordnung verursachen.

Der Tod ist in unserer Zeit nur noch in geringem Maß eine öffentliche Angelegenheit. Witwen und Witwer sind auf der Straße nicht mehr erkennbar, Totenglocken sind im urbanen Raum immer weniger zu hören. Wie in vielen mitteleuropäischen Ländern ist es mittlerweile auch hierzulande unüblich, Verlust und Trauer im öffentlichen Raum zu zeigen. Das gilt auch für Hinweise auf Verfall und Zersetzung.

* Dies bin ich nicht

Ceci n’est pas mon corps

Nachdem nun schon seit dem ersten Tag darüber gesprochen wurde, dass in dem Glaskasten nackte Menschen zu sehen sein werden, war es am neunten Tag endlich so weit: Auf einem Stuhl saß eine Frau. Sie war bis auf ein paar Absatzschuhe völlig nackt, allerdings trug sie eine Maske, die in Kontrast zu ihrem Körper zu stehen schien: die Maske und die dazugehörigen Haare passten eher zu einer jungen Frau, während ihr Körper deutliche Alterungsspuren aufzeigte. Es passierte wenig, nur ab und zu bewegte sie – in fast schon qualvoller Langsamkeit – ihre Arme oder überschlug ihre Beine. Dazu hörte man außerhalb der Box ihren Atem sowie ihren Herzschlag.

Der Menschenauflauf an diesem Tag war einer der größten der gesamten Installation, die Meinungen schwankten wie immer zwischen totaler Ablehnung und großer Begeisterung für das Projekt.

Besonders die Maske und der unbewegliche, starre Gesichtsausdruck wurden von vielen Zuschauer*innen für unangenehm empfunden. Einige gingen davon aus, dass es sich um keine Maske, sondern um eine besonders dicke Schicht Make-up handele, der Effekt blieb aber derselbe: „Das Gesicht sieht ja gruselig aus.“

Einige Passant*innen vermuteten, dass der Kontrast, der durch die Maske entsteht, als Kritik am gegenwärtigen Jugendwahn zu deuten sei, in dem Altern verpönt ist. Die Maske stand ihrem Verständnis nach für die Verleumdung des Alterns.

Worüber außerdem viel diskutiert wurde, war die Frage, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt. Ein Mann, der vorbeiging, meinte es mit einem Blick ausgemacht zu haben: „Das siehst du schon an den Beinen, dass das eine Transe ist.“ Eine Frau war davon überzeugt, dass diese Hüften nur zu einem Mann gehören können. Für andere waren die ihrer Meinung nach operierten Brüste Anzeichen dafür, dass sie ursprünglich ein Mann gewesen ist.

Tatsächlich konnten viele mit dem Bild überhaupt nichts anfangen, sie bezeichneten das Gezeigte als ekelhaft, als pietätslos, eine ältere Dame befand es für grässlich, zwei kleine Kinder, die vorbeiliefen, wiederholten immer wieder „Pfui, pfui.“

Eine Mutter konnte gar nicht schnell genug ihre Kinder, die gebannt vor der Box standen, wegziehen, fast schon panisch schob sie sie weiter, damit sie ja nicht allzu lange die nackte Frau sahen. Ob es nun generell um die nackte Frau ging oder um die Tatsache, dass sie eine ältere Frau war, ließ sich nicht immer heraushören. Für eine Dame war es aber die generelle Zurschaustellung eines nackten Körpers, die sie in aller Öffentlichkeit für unnötig hält, genauso wie sie es schon für unmöglich gefunden hatte, eine Hochschwangere in diese Box einzuschließen.

Viele gingen aber auch gelassen mit dem Thema um oder fanden es gut, auch mal einen Körper, der nicht den gängigen Schönheitsidealen entspricht, zu zeigen.

Eine Mutter klärte ihre kleine Tochter darüber auf, wie es ist, wenn man älter wird, dass die Muskeln abgebaut werden und dass die Haut nicht mehr so elastisch ist wie früher und dass das alles ein natürlicher Prozess sei, der bei allen Menschen eintrete.

Eine junge Frau fand es sehr gut, dass dieses Thema in der Öffentlichkeit angesprochen wird. Sie sah darin eine Kritik an unserer Zeit, in der man durch Prozeduren wie Schönheitsoperationen und Botox so lange wie möglich versucht jung auszusehen, und dass man aber trotz allem den Alterungsprozess nicht aufhalten kann. Sie war der Meinung, dass man nicht nur junge Körper, sondern auch ältere zeigen dürfe, beides sei schließlich normal.

Auch für einen älteren Herren war das Dargebotene kein Grund zum Aufregen: „So sehen wir alle mal aus, wenn wir alt sind.“

    

Photos von Candy Welz

Tag 9

Ceci n’est pas mon corps*

Der menschliche Körper zeigt ab dem 21. Lebensjahr Alterungserscheinungen. Sogenannte freie Radikale, Moleküle, die die DNA-Struktur schädigen, belasten den Körper. Langes Zusammenziehen der Haut, beispielsweise beim Lachen, erzeugt Falten. Die Verringerung von Elastin sorgt für mehr Hautoberfläche, zum Beispiel unter dem Kinn. Das Durchschnittsalter der Deutschen beträgt 43 Jahre, Tendenz steigend. Das Alter professioneller Fotomodelle nimmt dagegen ab. Im Idealfall beginnen sie ihre Karriere, wenn sie zwischen 14 und 19 Jahre alt sind.

* Dies ist nicht mein Körper

Ceci n’est pas notre peur

Am gestrigen Tage war die Blickrichtung des Menschen im Glaskasten ausnahmsweise eine andere als die bisherigen Tage, dies aber mit gutem Grund: der Blick des Mannes musste Richtung Mekka gehen, da er betete. Auf einem Gebetsteppich sitzend, in ein bodenlanges Gewand gekleidet und in der Hand eine Gebetskette, deren leises Klackern man durch ein Mikrofon verstärkt hören konnte, murmelte er scheinbar etwas vor sich hin, das man aber nicht hören konnte. Die Stille wurde immer wieder unterbrochen vom Ruf des Muezzin, der zum Gebet ruft. Daraufhin vollzog er das rituelle islamische Gebet, völlig ungeachtet der Blicke der Zuschauer*innen, in aller Stille. Was an dem eigentlich sehr friedlichen Bild störte, war die schusssichere Waffe, die der Mann über seinem Gewand trug.

Für viele der Passant*innen dürfte es das erste Mal gewesen sein, dass sie tatsächlich einen betenden Muslim sahen, dementsprechend groß war die Neugier. Es wurde gespannt beobachtet, in welcher fast schon choreografierten Reihenfolge welche Handlungen vollzogen werden müssen.

Zwei ältere Damen blieben längere Zeit vor dem Bild stehen. Für die eine strahlte das Bild durchaus etwas bedrohliches aus, es sei so fremd, was man dort zu sehen bekäme. Die andere aber war völlig anderer Meinung: „An sich ist da aber doch nichts bedrohliches dran, der Glaube einzelner Menschen ist doch nichts schlimmes, der ist doch ganz friedlich. Religionskriege, wie die Kreuzzüge der Christen, kann man damit ja gar nicht vergleichen, die waren nicht richtig.“

Einige Muslime, die jeden Tag im Café vor der Box gesessen hatten und bis jetzt zwar immer wieder interessiert zugeschaut, aber nie das Gespräch gesucht hatten, zeigten an diesem Tag deutlich mehr Interesse. Zwar betete der Mann in der Box wohl nicht ganz genau in Richtung Mekka, worauf sie hinwiesen, ansonsten aber freuten sie sich über die Präsentation ihrer Religion an so prominenter Stelle der Stadt. Auch sie fanden es sehr wichtig zu zeigen, dass das, was im Moment im Namen des Islams in der Welt stattfindet, nichts mit ihrer persönlichen Religion und dem Ausleben dieser zu tun hat. Man konnte merken, dass sie Freude hatten, sich über ihre Erfahrungen auszutauschen und andere Menschen über die Rituale ihrer Religion aufzuklären.

Auch eine junge Muslima befürwortete das Projekt, befürchtete aber, dass die schusssichere Weste von gewissen Menschen als Bombengürtel missverstanden werden könnte und somit ein falsches Bild vermittelt würde.

Tatsächlich war dies auch der Fall. Mehrere Male an diesem Tage konnte man hören, dass Zuschauer*innen davon ausgingen, dass es sich um einen Bombengürtel handele. Für sie stand so die Bedrohung durch den Muslim in der Box im Vordergrund, nicht der Schutz, den er selber durch die schusssichere Weste sucht.

Während für einen Mann die Box die beste Art darstellt, um Menschen mit unbekannten Dingen zu konfrontieren, waren einige Passant*innen aber wieder einmal der Meinung, dass diese Präsentationsweise unmöglich sei: „Das ist doch Fleischbeschau, wenn die Leute dann so da stehen und glotzen.“

Eine Gruppe Jugendlicher, die mit großem Lärm vor der Box stand und scheinbar wenig mit dem Geschehen anfangen konnte, wurde von einer Frau, die sich mit Kunst sehr gut auszukennen schien, über die Aktion aufgeklärt. Hier traf sie auch durchaus auf großes Interesse, gespannt hörten die Jugendlichen ihr zu. Ihr persönlich war es ein großes Anliegen, sie aufzuklären: „Die lernen es heutzutage ja gar nicht mehr in der Schule damit umzugehen.“

   

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1., 2. und 3. Bild von Thomas Müller

Tag 8

Ceci n’est pas notre peur*

Angst ist ein Abwehrmechanismus. Bei Alarmsignalen reguliert die Amygdala die Ausscheidung von Stresshormonen. So wird der Körper auf Kampf oder Flucht vorbereitet. Der Blick richtet sich auf die Gefahr; überflüssige Details werden ausgeblendet. Ist die Bedrohung zu groß, zieht sich der Mensch auf vertrautes Territorium zurück.

Seit 2001 führt der Bedarf nach einer vertrauten Struktur sowohl zu einer Erhöhung der Zahl orthodoxer Gläubiger als auch zu mehr Angst vor fremden Religionen.

Arabisch

* Dies ist nicht unsere Angst