Ceci n’est pas mon corps

Nachdem nun schon seit dem ersten Tag darüber gesprochen wurde, dass in dem Glaskasten nackte Menschen zu sehen sein werden, war es am neunten Tag endlich so weit: Auf einem Stuhl saß eine Frau. Sie war bis auf ein paar Absatzschuhe völlig nackt, allerdings trug sie eine Maske, die in Kontrast zu ihrem Körper zu stehen schien: die Maske und die dazugehörigen Haare passten eher zu einer jungen Frau, während ihr Körper deutliche Alterungsspuren aufzeigte. Es passierte wenig, nur ab und zu bewegte sie – in fast schon qualvoller Langsamkeit – ihre Arme oder überschlug ihre Beine. Dazu hörte man außerhalb der Box ihren Atem sowie ihren Herzschlag.

Der Menschenauflauf an diesem Tag war einer der größten der gesamten Installation, die Meinungen schwankten wie immer zwischen totaler Ablehnung und großer Begeisterung für das Projekt.

Besonders die Maske und der unbewegliche, starre Gesichtsausdruck wurden von vielen Zuschauer*innen für unangenehm empfunden. Einige gingen davon aus, dass es sich um keine Maske, sondern um eine besonders dicke Schicht Make-up handele, der Effekt blieb aber derselbe: „Das Gesicht sieht ja gruselig aus.“

Einige Passant*innen vermuteten, dass der Kontrast, der durch die Maske entsteht, als Kritik am gegenwärtigen Jugendwahn zu deuten sei, in dem Altern verpönt ist. Die Maske stand ihrem Verständnis nach für die Verleumdung des Alterns.

Worüber außerdem viel diskutiert wurde, war die Frage, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt. Ein Mann, der vorbeiging, meinte es mit einem Blick ausgemacht zu haben: „Das siehst du schon an den Beinen, dass das eine Transe ist.“ Eine Frau war davon überzeugt, dass diese Hüften nur zu einem Mann gehören können. Für andere waren die ihrer Meinung nach operierten Brüste Anzeichen dafür, dass sie ursprünglich ein Mann gewesen ist.

Tatsächlich konnten viele mit dem Bild überhaupt nichts anfangen, sie bezeichneten das Gezeigte als ekelhaft, als pietätslos, eine ältere Dame befand es für grässlich, zwei kleine Kinder, die vorbeiliefen, wiederholten immer wieder „Pfui, pfui.“

Eine Mutter konnte gar nicht schnell genug ihre Kinder, die gebannt vor der Box standen, wegziehen, fast schon panisch schob sie sie weiter, damit sie ja nicht allzu lange die nackte Frau sahen. Ob es nun generell um die nackte Frau ging oder um die Tatsache, dass sie eine ältere Frau war, ließ sich nicht immer heraushören. Für eine Dame war es aber die generelle Zurschaustellung eines nackten Körpers, die sie in aller Öffentlichkeit für unnötig hält, genauso wie sie es schon für unmöglich gefunden hatte, eine Hochschwangere in diese Box einzuschließen.

Viele gingen aber auch gelassen mit dem Thema um oder fanden es gut, auch mal einen Körper, der nicht den gängigen Schönheitsidealen entspricht, zu zeigen.

Eine Mutter klärte ihre kleine Tochter darüber auf, wie es ist, wenn man älter wird, dass die Muskeln abgebaut werden und dass die Haut nicht mehr so elastisch ist wie früher und dass das alles ein natürlicher Prozess sei, der bei allen Menschen eintrete.

Eine junge Frau fand es sehr gut, dass dieses Thema in der Öffentlichkeit angesprochen wird. Sie sah darin eine Kritik an unserer Zeit, in der man durch Prozeduren wie Schönheitsoperationen und Botox so lange wie möglich versucht jung auszusehen, und dass man aber trotz allem den Alterungsprozess nicht aufhalten kann. Sie war der Meinung, dass man nicht nur junge Körper, sondern auch ältere zeigen dürfe, beides sei schließlich normal.

Auch für einen älteren Herren war das Dargebotene kein Grund zum Aufregen: „So sehen wir alle mal aus, wenn wir alt sind.“

    

Photos von Candy Welz

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