Ceci n’est pas notre peur

Am gestrigen Tage war die Blickrichtung des Menschen im Glaskasten ausnahmsweise eine andere als die bisherigen Tage, dies aber mit gutem Grund: der Blick des Mannes musste Richtung Mekka gehen, da er betete. Auf einem Gebetsteppich sitzend, in ein bodenlanges Gewand gekleidet und in der Hand eine Gebetskette, deren leises Klackern man durch ein Mikrofon verstärkt hören konnte, murmelte er scheinbar etwas vor sich hin, das man aber nicht hören konnte. Die Stille wurde immer wieder unterbrochen vom Ruf des Muezzin, der zum Gebet ruft. Daraufhin vollzog er das rituelle islamische Gebet, völlig ungeachtet der Blicke der Zuschauer*innen, in aller Stille. Was an dem eigentlich sehr friedlichen Bild störte, war die schusssichere Waffe, die der Mann über seinem Gewand trug.

Für viele der Passant*innen dürfte es das erste Mal gewesen sein, dass sie tatsächlich einen betenden Muslim sahen, dementsprechend groß war die Neugier. Es wurde gespannt beobachtet, in welcher fast schon choreografierten Reihenfolge welche Handlungen vollzogen werden müssen.

Zwei ältere Damen blieben längere Zeit vor dem Bild stehen. Für die eine strahlte das Bild durchaus etwas bedrohliches aus, es sei so fremd, was man dort zu sehen bekäme. Die andere aber war völlig anderer Meinung: „An sich ist da aber doch nichts bedrohliches dran, der Glaube einzelner Menschen ist doch nichts schlimmes, der ist doch ganz friedlich. Religionskriege, wie die Kreuzzüge der Christen, kann man damit ja gar nicht vergleichen, die waren nicht richtig.“

Einige Muslime, die jeden Tag im Café vor der Box gesessen hatten und bis jetzt zwar immer wieder interessiert zugeschaut, aber nie das Gespräch gesucht hatten, zeigten an diesem Tag deutlich mehr Interesse. Zwar betete der Mann in der Box wohl nicht ganz genau in Richtung Mekka, worauf sie hinwiesen, ansonsten aber freuten sie sich über die Präsentation ihrer Religion an so prominenter Stelle der Stadt. Auch sie fanden es sehr wichtig zu zeigen, dass das, was im Moment im Namen des Islams in der Welt stattfindet, nichts mit ihrer persönlichen Religion und dem Ausleben dieser zu tun hat. Man konnte merken, dass sie Freude hatten, sich über ihre Erfahrungen auszutauschen und andere Menschen über die Rituale ihrer Religion aufzuklären.

Auch eine junge Muslima befürwortete das Projekt, befürchtete aber, dass die schusssichere Weste von gewissen Menschen als Bombengürtel missverstanden werden könnte und somit ein falsches Bild vermittelt würde.

Tatsächlich war dies auch der Fall. Mehrere Male an diesem Tage konnte man hören, dass Zuschauer*innen davon ausgingen, dass es sich um einen Bombengürtel handele. Für sie stand so die Bedrohung durch den Muslim in der Box im Vordergrund, nicht der Schutz, den er selber durch die schusssichere Weste sucht.

Während für einen Mann die Box die beste Art darstellt, um Menschen mit unbekannten Dingen zu konfrontieren, waren einige Passant*innen aber wieder einmal der Meinung, dass diese Präsentationsweise unmöglich sei: „Das ist doch Fleischbeschau, wenn die Leute dann so da stehen und glotzen.“

Eine Gruppe Jugendlicher, die mit großem Lärm vor der Box stand und scheinbar wenig mit dem Geschehen anfangen konnte, wurde von einer Frau, die sich mit Kunst sehr gut auszukennen schien, über die Aktion aufgeklärt. Hier traf sie auch durchaus auf großes Interesse, gespannt hörten die Jugendlichen ihr zu. Ihr persönlich war es ein großes Anliegen, sie aufzuklären: „Die lernen es heutzutage ja gar nicht mehr in der Schule damit umzugehen.“

   

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1., 2. und 3. Bild von Thomas Müller

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