Ceci n’est pas notre désir

Elektronische Musik schallt aus der Box. Auf einem durchsichtigen Hocker sitzt eine Frau, geschminkt und ausgehfertig angezogen. Vor sich hat sie eine Reihe an Cocktails stehen, an denen sie immer wieder nippt. Ab und zu zündet sie sich eine Zigarette an. Immer wieder nimmt sie Blickkontakt zu Zuschauer*innen auf und flirtet mit ihnen.

Woran viele Zuschauer*innen bei diesem Bild Anstoß nahmen, war die Tatsache, dass es sich bei der Frau um eine Kleinwüchsige handelte. Sicherlich hätte es auch negative Stimmen gegeben, wenn eine groß gewachsene Frau in der Box gesessen hätte, aber dass es eine Kleinwüchsige war, erhitzte bei vielen Menschen die Gemüter. Viele fanden es erniedrigend, beleidigend, jemand fand die Idee dahinter sehr lobenswert, aber die Präsentationsweise falsch gewählt: „Das erzeugt doch nur Schaulust, wie bei dem Schwarzen vor zwei Tagen“.

Noch als sich die Rollläden zum letzten Mal geschlossen hatten, erboste sich eine Frau über das Gezeigte: „Ist das Ziel dieser Sache, dass die Scheiben eingeschlagen werden? Das kann man doch nicht machen, das finde ich unmöglich und widerlich.“

Viele hofften, dass die Performerin wenigsten gut für ihre entwürdigende Arbeit entlohnt wird, wenn sie sich schon in diesen Kasten setzen und den ganzen Tag anschauen lassen muss. Dies war sowieso eine allgemeine Annahme: dass sie es nicht wirklich selber entschieden habe, sich auf diese Art zu präsentieren, als wäre sie aufgrund ihrer Größe dazu nicht in der Lage.

Auf der anderen Seite bekam das Bild aber sehr viel Zuspruch. Insbesondere die Performerin selber wurde für sehr stark befunden: „Das muss man sich mal vorstellen, dass das ihre Normalität ist, ständig so angestarrt zu werden, dafür macht die das echt super.“

Es ließen sich auch viele Gespräche zwischen Eltern und Kindern verfolgen, in denen über das Gesehene diskutiert wurde. Eine Mutter erklärte ihren zwei Töchtern, warum dieses Bild in aller Öffentlichkeit präsentiert wird: „Das soll wachrütteln. Das soll zeigen, dass sie auch eine ganz normale Frau ist. Sie trinkt, sie isst, sie raucht, sie sieht gut aus, sie hört Musik und will ausgehen, nur sieht man es so selten.“

Ein Vater reagierte auf die Frage seiner Kinder, warum die Frau so klein sei, mit der Gegenfrage, warum er so groß sei: „Das ist einfach so, manche Menschen sind groß, manche Menschen sind halt klein.“

Ihre Flirtversuche wurden der Öfteren erwidert, viele Zuschauer lächelten zurück, eine Frau, die mit ihrem Partner an der Box vorbeiging und der Ziel ihres Flirtens war, rief ihr scherzhaft: „Hey, das ist meiner.“

Ein älterer Mann war ganz begeistert von „Ceci n’est pas notre désir“ und von der ganzen Idee hinter der gesamten Installation: „Das Medium ist super, weil es einen direkt mit dem Gesehenen konfrontiert und es konfrontiert einen auch mit sich selbst. Das ist mit das Beste vom Kunstfest. Da kriege ich wirklich Gänsehaut.“

Was am siebten Tag auffiel, war die Annahme vieler Zuschauer*innen, dass die Frau im Glaskasten in Wirklichkeit gar nicht so klein ist, sondern deutlich größer und dass sie durch irgendeine Art von Trick oder Illusion so klein aussieht. Viele liefen um die Box herum, um herauszufinden, ob der Hocker, auf dem sie saß, eigentlich gar nicht durchsichtig ist und sich darin ihre wirklichen Beine verstecken würden. Sie schienen nicht begreifen zu wollen oder können, dass jemand Kleinwüchsiges sich den Blicken so vieler Menschen aussetzen lassen will.

Wie die Tage zuvor, sah man am gestrigen Tag auch wieder viele bekannte Gesichter unter den Zuschauer*innen. Eine Frau gab zu, dass sie gar nicht so sehr am Geschehen in der Box interessiert ist: „Es ist eigentlich viel spannender, die Reaktionen der Leute zu beobachten als das Innere der Box.“ Tatsächlich war es an einem Tag wie diesem sehr interessant, die Leute zu beobachten, einige gingen mit einem empörten Kopfschütteln weiter, andere schienen durch die einladenden und charmanten Blicke der Performerin gute Laune zu bekommen, denn sie liefen mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht weiter.

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1., 2. und 3. Photo von Candy Welz

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