Ceci n’est pas la nature

Tag 7

Das Bild des sechsten Tages ist, insbesondere im Gegensatz zum Vortag, weniger verstörend oder unangenehm: In der Box sitzt ein Mensch auf einer Schaukel. Gekleidet in einem hautfarbenen Body und Flügeln aus orangefarbenen Federn schwingt dieser langsam hin und her und stellt Augenkontakt zu den Zuschauer*innen her. Dabei trägt die Person immer ein leichtes Lächeln auf den Lippen, anders als die Tage zuvor, in denen die Performer*innen oftmals keine Miene verzogen. Manch ein Zuschauer interpretierte dies als Flirtversuch: „Ich glaub, die steht auf dich“. Ab und zu greift die Person hinter sich, holt Tabak heraus und dreht sich eine Zigarette, begleitet von den dröhnenden Geräuschen eines Fußballstadions. Nachdem sie die Zigarette fertig gedreht hat, fängt sie wieder an langsam hin- und herzuschaukeln.

Während sich am zweiten Tag der Installation die meisten Zuschauer*innen gefragt haben, ob das Mädchen tatsächlich schwanger war, versuchten sie bei „Ceci n’est pas la nature“ herauszufinden, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt.

Minutenlang suchten sie nach Anzeichen für das eine oder das andere Geschlecht, manche meinten, dass die unrasierten Beine Anzeichen für einen Mann wären, andere deuteten die langen Haare als Indiz dafür, dass es sich um eine Frau handelt. Intensiv begutachteten sie die Person in der Box und bestätigten damit den Begleittext zum Bild, denn die Unklarheit – ob nun Mann oder Frau – hielten die Wenigsten aus, für sie war es unmöglich, sich nicht festzulegen.

Gerade Eltern mussten ihren kleinen Kindern oft erst erklären, worum es sich bei Transgendern oder Transsexuellen überhaupt handelt: „Manche Männer wollen lieber eine Frau sein, manche Frauen wollen lieber ein Mann sein. Das hier ist ein Mann, der eine Frau sein möchte.“

Gerade kleine Kinder verweilten oft minutenlang vor dem Glaskasten und schauten wie hypnotisiert der Person zu. Die Farben der Flügel und das Schaukeln schien sie sehr anzuziehen.

Eine ältere Dame nahm das Thema zum Anlass, um von der Situation von Menschen in der DDR, die mit Merkmalen beider Geschlechter geboren wurden, zu berichten: „Damals haben die Ärzte entschieden, was für ein Geschlecht das Baby hat und dann gab es später viele Selbstmorde, weil sich die Menschen dann als falsches Geschlecht fühlten und damit nicht klarkamen.“

Für einen Mann waren die Geräusche, die das Geschehen untermalten, perfekt gewählt, da sie seiner Meinung nach unzählige verschiedene Interpretationen zulassen.

Einige wenige negative Stimmen gab es auch: Ein Mann, anscheinend schon leicht alkoholisiert, fand es „ekelhaft“, eine ältere Dame befand „Schlimmer gehts nimmer“ und andere hielten es einfach nur für Unsinn. Natürlich vernahm man auch unzählige Male über die fünf Stunden verteilt die Frage „Das soll Kunst sein?“, wie auch schon in den vorangegangenen Tage, aber vielen ist die Box nun bereits bekannt und überrascht deswegen nicht mehr so stark wie zu Beginn.

Das bedeutet aber gleichzeitig, dass nun vermehrt über die Tage zuvor diskutiert wird. Während das gestrige Bild bei den Weimarer*innen nicht für sehr großen Diskussionsbedarf gesorgt hat, sondern oftmals einfach nur für schön befunden wurde, konnte man aber zahlreiche Gespräche über die vorangegangenen Bilder verfolgen. Die Installation scheint die Menschen nachhaltig zu beschäftigen.

Mittlerweile kennt man auch viele Gesichter, die die Installation tagtäglich verfolgen, einige sieht man sogar mehrere Male an einem Tag, es zieht sie immer wieder zurück zur Box.

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1. Photo von Thomas Müller

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