Ceci n’est pas l’histoire

„Das ist nicht normal, das ist doch nicht normal.“ Mindestens zehnmal wiederholte ein junges Mädchen diesen Satz, nachdem sie das Bild zu „Ceci n’est pas l’histoire“ zum ersten Mal gesehen hat. „Ich traue mich gar nicht näher ranzugehen, um den Text zu lesen, da würde ich mich voll schämen.“ Ihre Blicke wanderten aber dennoch immer wieder zum Glaskasten, ignorieren konnte sie das Bild nicht. Ähnlich schien es auch einem Mann zu gehen, der erst, nachdem er einen Blick auf die Box geworfen hatte, kopfschüttelnd weiterging, um dann aber doch zurückzukehren, um Fotos zu machen.

Im Inneren der Box sah man nach dem Öffnen der Rollläden einen Mann mit dunkler Hautfarbe sitzen. Er war nur mit einem Tuch um die Hüften gekleidet, um den Hals trug er eine Kette mit bunten Perlen. Angekettet mit einer Fußfessel aß er fortwährend Erdnüsse, die um ihn herum verstreut und in einer Schüssel lagen. Vor ihm war ein Schild platziert, das alle 15 Minuten eine Performance ankündigte. Diese bestand aus kurzen akrobatischen Verrenkungen. Untermalt wurde das Bild vom Lied „Zehn kleine Negerlein“.

Insbesondere bei Kindern sorgte die Performance für viel Begeisterung und Gelächter, bei den erwachsenen Zuschauer*innen überwiegte aber ein Gefühl des Schwankens zwischen Schaulust und Scham.

Eine Gruppe junger Mädchen diskutierte die Assoziationen zum Zoo, die das Bild weckt, wie schlimm das Gefühl sein muss, sich so „begaffen“ zu lassen und dass sie sich schuldig fühlen würden, den Mann anzuschauen oder Fotos von ihm zu machen. Den Titel fanden sie falsch gewählt, schließlich sei dies ja doch noch die Gegenwart, diese Art und Weise mit Menschen umzugehen sei noch nicht vorbei, sondern fände immer noch tagtäglich statt.

Nicht nur bei den jungen Mädchen wurde die Assoziation zu Zoos hervorgerufen. Bewusst oder unbewusst war dies bei vielen Passant*innen der Fall. Ein Kind fragte seine Mutter, warum der Mann in dem Käfig sitzen muss, erstaunlich häufig hört man das Wort „fressen“ („Jetzt muss der da den ganzen Tag sitzen und Erdnüsse fressen“), ein Mann sagte scherzhaft zu seiner Begleitung „Bitte nicht füttern“. So fand immer wieder ein Vergleich der Situation des Performers mit der eines Tieres statt bzw. wurde er mit einem Tier gleichgesetzt.

Eine Frau, die auch schon Bilder der vorherigen Tage gesehen hat, empörte sich lauthals über das Bild: „Das kann man doch nicht machen, das ist doch nicht normal, Kinder kriegen doch Angst, wenn die das sehen, genauso wie an dem Tag, an dem hier Trommeln zerstört wurden.“ Einige Zeit später konnte man sie aber wieder an der Box antreffen, wo sie gespannt die Performance verfolgte.

Es ließ sich beobachten, dass viele Zuschauer*innen das Bild des fünften Tages als das beklemmendste der bisherigen Tage empfanden. Während die Tage zuvor die Bilder von vielen Menschen durchaus als schön wahrgenommen wurden und man gerne zuschaute, weckte „Ceci n’est pas l’histoire“ zu viele Erinnerungen an Völkerschauen, als dass man es als schön bezeichnen würde. Die musikalische Untermalung trug wohl ihr übriges zum Unbehagen der Menschen bei.

Eine vorbeigehende Frau machte das Bild sehr betroffen, es ging ihr an die Eingeweide, wie sie selber sagte.

Für Andere war die Darstellung zu krass: „Das ist doch viel zu hart, im Kontext der ganzen Flüchtlingsdebatte kann man das doch nicht machen.“

Eine Frau, die sich anscheinend schon öfters mit dem Thema auseinandergesetzt hat oder zumindest sehr interessiert ist, erzählte, dass es früher ja noch viel schlimmer gewesen sei, da hätte man nicht nur zugucken, sondern die Menschen noch anfassen können.

   

    

    

Photos von Candy Welz

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