Ceci n’est pas le futur

Kurz nachdem sich die Rollläden am vierten Tag zum ersten Mal geöffnet haben, flogen zwei Düsenjets über Weimar, als hätten sie geahnt, dass es zum Thema der Installation passt. Auch zwei Passant*innen merkten scherzhaft an, dass sie sicherlich Teil der Performance sind, passe es doch „wie die Faust aufs Auge“.

Das gestrige Bild mutete sehr martialisch an: die Box ist zu einem Drittel gefüllt mit Patronenhülsen. Darauf sitzt ein Junge, der Stunde um Stunde entweder die umliegenden Hülsen oder eine Waffe reinigt und poliert. Er trägt eine Sturmhaube und verfolgt, wie es die Performerinnen schon in den vorangegangenen Tagen gemacht haben, die Zuschauer*innen mit einem konzentrierten und entschiedenen Blick.

Der Diskussionsbedarf zu diesem Bild war geringer als die Tage zuvor – man könnte es auf die drückende Hitze schieben – es gab aber auch bei diesem Bild unterschiedlichste Meinungen und Auffassungen.

Es schien, dass gerade Mütter mit kleinen Kindern nicht vor der Box stehen bleiben wollten. Für sie war das, was gezeigt wurde, nicht kindgerecht. Auch jemand anderes merkte an, dass Kinder dieses Bild leicht missverstehen können, da sie sich in vielen Fällen den Text nicht durchlesen würden und die Waffe und die Patronen dann „ganz toll“ finden würden.

Eine Gruppe älterer Damen und Herren tauschte sich über die Scheinheiligkeit, die sie in der Diskussion über Waffenproduktion sehen, aus: „Andere Länder würden dankend übernehmen, wenn Deutschland die Waffenproduktion aufgeben würde. Waffen wird es sowieso immer geben.“

Für viele Zuschauer*innen, die auch die Tage zuvor schon das Geschehen in der Box verfolgt hatten, war das Bild zu „Ceci n’est pas le futur“ das bisher wohl stärkste, es wurde als ästhetisch und schön bezeichnet.

Auch eine Frau sah das Bild als bestechend an, es war aber etwas anderes, dass sie besonders aufwühlte: „Der Geruch geht mit besonders nah, das Schießpulver, was man riecht.“

Einige Passant*innen berichteten von ihren eigenen Erlebnissen mit Waffen. Ein älterer Mann, 90 Jahre alt, wie er stolz sagte, fühlte sich an seine Zeit im 2. Weltkrieg erinnert. Er selbst musste nie mit einer Waffe auf Menschen schießen, da er erst zu Kriegsende seine Ausbildung in der Luftwaffe abgeschlossen hatte. Trotzdem weckte das Bild Erinnerungen und löste zudem Dankbarkeit dafür aus, dass er nie Waffen im Kampf benutzen musste.

Ein anderer Mann, erst vor einigen Monaten aus Afrika nach Deutschland gekommen, berichtete, dass dieses Bild in Afrika völlig normal ist. Auch er hat zwei Jahre lang im Militär gedient und kennt sich daher mit Waffen aus. Das Bild vom zweiten Tag, „Ceci n’est pas une mère“, stellte für ihn ebenfalls keine Ausnahme, sondern vielmehr die Regel dar.

Es gab Vermutungen, dass die Box zu Amnesty International gehört, um gegen Waffen zu protestieren, was wohl auch damit zusammenhängt, dass an dem Platz häufiger Stände verschiedener Organisationen stehen. Andere, vor allem Jugendliche, versuchten die unterschiedlichen Patronenhülsen zu identifizieren und Waffenarten zuzuordnen.

Während sich die Passant*innen schon in den vorangegangenen Tagen die Frage gestellt haben, wie die Menschen wohl in die Box gekommen sind, erschien es vielen bei diesem Bild als unlösbares Problem, lag doch eine dicke und schwere Schicht Munition über dem möglichen Ausgang.

Noch kommen sechs starke und sicherlich auch kontroverse Bilder auf die Weimarer Zuschauer*innen zu, heute geht es wie üblich um 14 Uhr los.

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1. und 3. Bild von Thomas Müller

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