Ceci n’est pas de l’amour

Am Tag des dritten Bildes der Installation waren deutlich weniger Menschen auf den Weimarer Straßen unterwegs als zuvor, dafür sorgten wohl vor allem die heißen Temperaturen, die die Leute ins Freibad oder in den Park zogen. Nichtsdestotrotz fanden sich immer wieder Interessierte an der Box ein und begutachteten das Geschehen in der Box.

Das Bild von „Ceci n’est pas de l’amour“ war ein sehr ruhiges und reduziertes: Ein Mann sitzt auf einem Stuhl, auf seinem Schoss ein junges Mädchen, dem er aus einem Buch vorliest. Beide sind nur in Unterwäsche bekleidet. Der Mann konzentriert sich völlig auf das Vorlesen und schenkt den Zuschauer*innen um die Box keine Beachtung. Das Mädchen jedoch lässt ihren Blick immer wieder schweifen und fixiert – ähnlich dem schwangeren Mädchen vom Tag zuvor – einzelne Menschen.

Die meisten der Passant*innen gingen sofort davon aus, dass es sich bei den beiden um Vater und Kind handelt, noch bevor sie überhaupt den Begleittext gelesen hatten.

Bei vielen Leuten schien das Bild und Thema auf positive Resonanz zu stoßen. Eine Gruppe Frauen tauschte sich darüber aus, dass es mittlerweile tatsächlich so ist, dass Väter komisch angeschaut werden, wenn sie ihr eigenes Kind anfassen oder umarmen und dass sofort der Verdacht der Pädophilie aufkommt.

Ein älterer Herr berichtete aus seiner Kindheit, zu deren Zeit das Verhältnis von Kindern zu ihrem Vater noch deutlich inniger gewesen war als heute. Er hielt die Installation für eine gelungene Provokation, die ganz bewusst mit der Ambivalenz spielt, die viele Menschen beim Betrachten des Bildes wohl empfinden dürften. Auch die Abschlussdiskussion am 06.09. befürwortete er, da dort Themen angesprochen werden können, die sonst nicht in der Öffentlichkeit diskutiert werden.

Tatsächlich fassten die Wenigsten das Bild als unanständig auf oder brachten es sofort mit Pädophilie in Verbindung, viele verstanden es als Darstellung eines liebesvollen Verhältnisses zwischen Vater und Kind.

Nichtsdestotrotz gab es natürlich auch negative Stimmen. Der Blick des Mädchens, der oft als trotzig, gelangweilt, missmutig oder sogar angsteinflößend gedeutet wurde, verleitete viele Zuschauer*innen zu der Frage, ob sie wohl freiwillig in der Box ist oder von ihrem Vater dazu gezwungen wird. Ein Mann, anscheinend selber Vater, fand es unmöglich: „Ich finde das zum Kotzen, nur weil der Vater einen Knall hat, muss das arme Kind das mitmachen. Das ist doch ein Fall fürs Jugendamt.“

Zwei vorbeigehende Frauen sträubten sich auch dagegen, ein Kind auf diese Art und Weise auszustellen: „Grausam, oder? Wer weiß, was die Leute dann so über das Kind sagen.“

Andere beschwerten sich darüber, dass dies nun Kunst sein soll: „Das ist das Problem mit Weimar, jeder Kunststudent im ersten Semester meint, er könne irgendwas machen und das wäre dann Kunst.“

Zwei Herren beklagten sich über die „Saustadt Weimar“, in der für so etwas Geld ausgegeben wird, jemand anderes ließ nach einem kurzen Seitenblick auf die Installation den Begriff Kulturbolschewismus fallen. Unklar ist, ob er sich der Nutzung des Begriffs insbesondere in der Nazi-Zeit, in der damit progressive und linksgerichtete Kunst herabgewertet werde sollte, bewusst war. Deutlich wurde jedoch, dass er nichts von dieser Art von Kunst hält.

Viele Passant*innen wussten auch einfach nichts mit der Installation anzufangen, wieder einmal wurde zahlreiche Male die Frage gestellt: „Das soll Kunst sein?“.

Inzwischen ist es tatsächlich so, dass man immer wieder bekannte Gesichter bei der Box erkennen kann. Viele Zuschauer*innen der letzten zwei Tage finden sich erneut bei der Installation ein, um das neue Bild zu sehen. Auch hört man immer wieder Gespräche über die vorangegangenen Tage, in denen sich über das bereits Gesehene ausgetauscht und debattiert wird.

 

Photos von Candy Welz

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