Ceci n’est pas une mère

Tag2

Während es am ersten Tag ständig Bewegung und Aktion in der Box zu sehen gab, war das Bild am zweiten Tag ruhiger. Ein schwangeres Mädchen, nicht älter als 14 Jahre, wie die meisten Passant*innen schätzten, ließ umringt von bunten Bällen langsam ihre Hüften zur Musik von Lykke Li kreisen. Nach einiger Zeit nahm sie Platz auf einem Stuhl und strich gelegentlich über ihren Bauch, bis sich die Rollläden schlossen. Dabei fixierte sie immer wieder einzelne Zuschauer*innen mit einem eindringlichen Blick, dem nur die Wenigsten standhalten konnten. Viele brachen in nervöses Lachen aus, andere wechselten den Platz, um dem Blick aus dem Weg zu gehen. Ein Teenager, der nicht viel älter als das Mädchen gewesen sein dürfte, brüstete sich damit, dem Blick nicht ausgewichen zu sein und nicht als Erster weggeschaut zu haben.

Andere beschrieben diesen Blick als furchterregend oder gruselig, vielen schien es nicht zu gefallen, dass die Beobachterposition so umgedreht wurde. Nicht nur die Zuschauer*innen starrten das Mädchen in ihrem Glaskasten an, auch umgekehrt war man ihren Blicken ausgeliefert.

Die Frage, die viele Menschen beschäftigte, war, ob das Mädchen tatsächlich schwanger ist. Einige Passant*innen waren sich absolut sicher, dass dies der Fall sei, „hochschwanger, sie sieht aus, als wäre sie kurz vor der Entbindung“. Andere wiederum nahmen den Begleittext als Indikator dafür, dass sie nicht schwanger ist, da dort doch schließlich stünde, dass sie keine Mutter ist.

Ein Herr vermutete, dass es sich tatsächlich um eine Schwangere handelt, dass sie aber eigentlich bereits älter ist und mithilfe von Make-up jünger geschminkt wurde, um den Schockeffekt zu verstärken.

Hin und wieder kam auch die Frage auf, ob es sich überhaupt um einen echten Menschen handelt oder nicht doch um einen Roboter oder eine Puppe.

Eine ältere Dame, die von der Echtheit der Schwangerschaft ausging, bewunderte das Mädchen für ihren Mut, so jung Mutter zu werden, „man kann ja froh sein, wenn die Leute heute überhaupt noch Kinder kriegen.“

Viele sahen das heutige Bild bzw. verstanden den Begleittext als Kampagne gegen die Antibabypille. Sie nahmen an, der Künstler befürworte Schwangerschaften im Kindesalter und vermuteten, dass wohl insbesondere fortschrittsfeindliche und reaktionär denkende Menschen Interesse an der Installation haben dürften. Ein älterer Herr frug, ob die Installation zur Kirche gehöre. Auch er ging davon aus, dass das Ausstellen eines schwangeren Mädchens bedeuten solle, dass gegen die Antibabypille bzw. Verhütungsmittel allgemein protestiert wird.

Ein junger Türke fühlte sich durch das Bild unangenehm an Zwangsverheiratungen junger Mädchen mit älteren Männern erinnert, die, wie er sagte, auch noch in Teilen seines Heimatlandes gang und gäbe sind. Während schwangere Mädchen im Alter der Performerin in Deutschland also eher selten sind, hat er die Erfahrung gemacht, dass dies in bestimmten Gegenden der Türkei und im Nahen Osten durchaus häufiger vorkommt.

Es gab einige Menschen, die nach einem kurzen Blick auf die Box kopfschüttelnd weiterliefen und sich über das Gesehene beschwerten. Es fielen Sätze wie „Schämt die sich nicht“, „Ich finde das krank“ oder „Unmöglich“. Es fiel aber auf, dass der Diskussionsbedarf bei „Ceci n’est pas une mère“ größer war als am Tag zuvor. Auch nach dem Schließen der Rollläden am Ende jeder Performance blieben viele Menschen jeden Alters noch in Gruppen stehen, tauschten sich über die Installation aus und versuchten im Begleittext Anhaltspunkte für die Deutung des Gesehenen zu finden.

Tag2_1  Tag2_3  Tag2_2

1. Photo von Thomas Müller

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s